Freitag, Oktober 15, 2004

prosaische Impressionen des Frontalunterichts

Will mal ein bisschen von meinen mehr oder weniger gelungenen künstlerischen Schaffen posten.
Das Folgende ist ein Kurzprosatext. Ich glaub sowas in der Art will ich öfter schreiben. Bisher hab ich mich immer sehr auf Lyrik konzentriert. Das Thema wird hoffentlich jeder nachvollziehen können:



Der Unterricht zieht so an mir vorbei, was weniger über die Geschwindigkeit mit der er vorüber geht und mehr über den Grad meiner Aufmerksamkeit aussagt. Ich bin vom monotonen Singsang der Stimmen fasziniert, wie von einer fremden Sprache, deren Syntax und innere Logik zu verstehen ich längst aufgegeben habe. Ich fühle mich als Beobachter, abseits des Geschehens.
Manchmal der Hauch eines schlechten Gewissens, dass mich mahnt aufzupassen und in den zwecklosen Versuch mündet für 2, 3 Minuten konzentriert und interessiert auf die Tafel zu starren. Nach einiger Zeit merke ich, dass der Teil der Tafel, den ich fokussiere, ein nicht weggewischtes Überbleibsel eines anderen Faches, einer anderen Klasse ist. Längst vergangen. Längst vergessen.
Da! Ein pädagogischer Trick. Der Lehrkörper bewegt sich frontal auf die Klassengemeinschaft zu. Ich überlege mir welche Metapher ich jetzt wählen soll: Hirte auf die Schafherde? Oder doch der Schäferhund? Gut zuredend oder kläffend, drohend?
Er schickt sich an, anhand eines Plastemodells irgendetwas zu erklären: Es scheint ihm zu gelingen, denn ich spüre ein Anflug von Aufmerksamkeit. Einzelne Worte stechen aus dem Brei heraus, wie Schiffbrüchige, deren Köpfe ein letztes Mal aus dem stürmischen Meer auftauchen bevor sie im Schlund des Vergessens verschwinden.
Ich gehe dazu über auf aktive, aggressive Weise desinteressiert zu sein.
Es interessiert mich nicht, es will mich nicht interessieren. Ich fühle keinerlei emotionale Hingezogenheit, keine Affinität zu derlei Krams.
Ich bin einfach nicht willens mir an lieblos dahingeworfenen Informationsknochen die Zähne auszubeißen. Der Punkt an dem es noch Sinn machte, Fragen zu stellen ist längst überschritten.
Die Stimme, die meinen Namen ausruft, reißt mich aus meinen Überlegungen. „Erwischt“ denke ich. Aber ich soll nur meinen Pflichten nachkommen und die Tafel reinigen. Spuren beseitigen. Gleich darauf dreht sich der Lehrer in Richtung Tafel um uns neue Erkenntnisse prägnant formuliert anzuschreiben.
Es folgen Gespräche mit dem Banknachbar über die Anzahl der noch verbleibenden Minuten bis Stundenende, über die Inkompetenz der Lehrkraft und das man sich so was nicht bieten lassen könne. Man müsse doch mal mit der Faust auf den Tisch hauen. Aufstehen, sich beschweren. Vielleicht bleibt dafür ja noch Zeit nachdem das Tafelbild sorgsam in den Ordner übertragen wurde.
Doch wenn man es genauer betrachtet überlegt man sich, was denn der übergroße Gegenüber dafür kann. Was es denn bringe.
All die Aufregung verpufft schnell beim Abschreiben und der Unterricht zieht wieder an mir vorbei, bis der Lehrer - denn nur er, nicht der Gong beendet den Unterricht - durch ein lapidares „einpacken“ dem Ganzen ein Ende bereitet.